Deutscher Tanzpreis »Zukunft« 2006

Christian Spuck

Porträt Christian Spuckist seit Juni 2001 einer der heute zwei Hauschoreographen des Stuttgarter Balletts. Er erhielt seine tänzerische Ausbildung an der John-Cranko-Schule in Stuttgart, an der er 1993 seinen Abschluss machte. Als Tänzer arbeitete er mit Jan Lauwers’ Needcompany und mit Anne Teresa de Keersmakers Ensemble Rosas. 1995 wurde er Mitglied des Stuttgarter Balletts. Von 1994 bis 1996 war er als choreographischer Assistent von Marco Santi unter anderem an den Tanzproduktionen Amras, The Sinking of … und The Tears of Niobe beteiligt.
Für die Reihe »Junge Choreographen« der Stuttgarter Noverre-Gesellschaft erarbeitete Christian Spuck 1996 seine erste eigene Choreographie, den Pas de deux Duo / Towards The Night. Dieses Stück war so erfolgreich, dass sowohl das Stuttgarter Ballett als auch das Ballett der Deutschen Oper Berlin es in ihr Repertoire aufnahmen. 1997 choreographierte Spuck für die Noverre-Gesellschaft Songs From A Secret Garden. Ein Jahr später folgte seine erste Uraufführung beim Stuttgarter Ballett: Passacaglia. In der jährlichen Kritikerumfrage der Zeitschrift ballett international / tanz aktuell wurde Spuck in der Spielzeit 1997/98 und erneut in der Spielzeit 1999/2000 als »bester Nachwuchs-Choreograph« genannt.
Seitdem hat Spuck weitere Ballette für gemischte Ballettabende choreographiert, darunter dos amores (1999), das siebte blau (2000), Carlotta’s Portrait und Songs (2001), nocturne (2002), …, la peau blanche … (2005). Seine hohe Musikalität, sein souveräner Umgang mit dem Raum, seine stilsichere Inszenierungskunst und seine Fähigkeit, mit großen Besetzungen zu arbeiten, führten fast zwangsläufig zum erzählenden abendfüllenden Format. Sein erstes großes Handlungsballett schuf er im Dezember 2003 für das Stuttgarter Ballett: Lulu nach Frank Wedekind.
Seit 1999 hat Spuck auch für renommierte Ballettkompanien in Europa und den USA gearbeitet; so entstanden Morphing Games für das Aterballetto (1999), Adagio für Tänzer des New York City Ballet (2000), Chaconne für die Akademie des Tanzes Mannheim (Tanzstiftung Birgit Keil; 2002), Shifting Portraits für das Ballett des Saarländischen Staatstheaters Saarbrücken (2004). Für das aalto ballett theater essen kreierte Spuck 2004 nach Endless Waltz (2000) das Handlungsballett Die Kinder nach dem gleichnamigen Theaterstück von Edward Bond. In dieser Spielzeit 2005/06 hat beim Stuttgarter Ballett sein neues Ballett Der Sandmann nach der gleichnamigen Erzählung von E. T. A. Hoffmann Premiere.


Text der Ehrenurkunde

Der Deutsche Tanzpreis »Zukunft« 2006 wird dem Choreographen Christian Spuck verliehen. Seine Kreationen zeichnen sich durch Originalistät und einen hohen intellektuellen Anspruch aus, ohne in Unverständlichkeit auszuufern – wir sehen in ihm die Zukunft eines großen Choreographen.


Die Laudatio von Prof. Dr. Lothar Späth

Herr Bundestagspräsident, lieber Herr Lammert, Herr Erster Bürgermeister, lieber Herr Roehm, ich freue mich und fühle mich wirklich geehrt, zum dritten Mal als Laudator bei der Tanzpreisverleihung aufzutreten. Und noch das Glück zu haben, dass die beiden, für die ich als Laudator hier vor einiger Zeit schon gewirkt habe, nämlich Marcia Haydée und Birgit Keil, heute Abend hier sind. Ich hatte wirklich geglaubt, jetzt hätte ich alle meine Aufgaben als schwäbischer Laudator beim Tanzpreis erfüllt. Ich muss jetzt auch eingehen auf die Frage »...alles außer Hochdeutsch«: Wir haben unsere Fremdenfreundlichkeit immer dadurch bewiesen, dass wir beim Ballett auch die Leute aufgenommen haben, die nicht schwäbisch konnten – sonst hätten wir vielleicht dieses Ergebnis nicht in Stuttgart. Man sollte manchmal ohnehin in dieser umgekehrten Richtung denken – denn nur, wer seine persönlichen Grenzen öffnet, wer die Grenzen für das Internationale aufmacht und wer Kunst, Kreativität und den Bildern Raum gibt, die wir heute Abend sehen, der kann auf Zukunft hoffen. Deshalb ist es wichtig, dass der Bund und die Länder sich an das Thema Tanz machen, auch an das Förderthema Tanz. Ich habe aus meinen politischen Erfahrungen eine gewisse Skepsis mitgenommen, dass die Programme zwar fertig sind, aber ihre Finanzierung noch nicht steht. Auch aus dem Anlass, dass hier zum zweiten Mal der Tanzpreis »Zukunft« vergeben wird, möchte ich die privaten Mäzene ansprechen. Denn wir müssen uns abgewöhnen zu sagen, das sei nicht Aufgabe der Wirtschaft (vor allem der Wirtschaft, der es gut geht, und die haben wir ja zum Glück in Deutschland auch!). Es darf nicht der Stolz der Wirtschaft sein, nur die Aktionäre und die Gesellschafter zu befriedigen, sondern es muss auch wieder der Stolz sein, solche Compagnien und solche künstlerischen Einrichtungen in Städten und Gemeinden zu erhalten! Wohl ist das eine öffentliche Aufgabe, die die Privatwirtschaft nicht allein erledigen kann, aber es ist auch eine verdammte Pflicht, ein guter Bürger zu sein, auch für Wirtschaftsunternehmen, und dazu beizutragen, dass auch dieser Teil unseres internationalen Erscheinungsbildes wichtig ist. Wenn ich als baden-württembergischer Ministerpräsident ins Ausland gereist bin und sichergehen wollte, dass mir im Wirtschaftlichen nichts schief geht, dann habe ich das Ballett mitgenommen. Deshalb denke ich, wir sollten da zu einer anderen Form der Kooperation zurückkehren. Wir dürfen hier nicht soziale Elemente gegen Kunst-Elemente ausspielen. Kunst und Ballett sind ein sozialer Vorgang und sind im Tiefsten sozial. Wenn wir heute darüber reden, dass unsere Bildungsschwächen vor allem in Kreativ-Bereichen liegen, dann wird nur sichtbarer, dass das, was eine Nation in der Zukunft im Wettbewerb braucht, vor allem eine Industrienation wie Deutschland, Kreativität ist, das Potential in der jungen Generation. Deshalb kommt es nicht nur darauf an, wie wir mit Wissen bestückt sind, sondern mit welchen Entfaltungsmöglichkeiten wir unseren Kindern Chancen geben. Wer sieht, in welchem Alter die Chancen vergeben werden müssen, damit sie genutzt werden können, der kann nur dafür sein, dass wir gerade auch in der Diskussion über unsere Bildungs- und Zukunftspolitik diese Elemente viel stärker berücksichtigen.

Ich möchte jetzt zu meiner eigentlichen Aufgabe zurückkehren und natürlich Reid Anderson ganz herzlich beglückwünschen. Ich will noch einmal zum Zukunfts-Preis kommen und die Überlegung unterstreichen, die Herr Roehm schon angesprochen hat: Wenn wir nur überall, wo ein Ballett mit Nachwuchsschulung ist, einen Kreis aufbauen könnten, der zehn bis zwanzig Stipendien in einem Jahr an junge Talente vergeben kann, dann wären wir ein ganzes Stück weiter. Ich will ihnen die drei Beispiele vorstellen, die beweisen, wie wichtig und sinnvoll dieser Zukunfts-Preis ist, der auf Hoffnung und Vertrauen aufbaut, nämlich zunächst auf das Vertrauen in ein großes künstlerisches Talent, und dann in das Hoffen, dass dieses Talent zu einer außergewöhnlichen Zukunft führt. Deshalb gilt der Preis denen, die schon aus eigener Leistung in der aktiven Bühnenlaufbahn stehen, die durch überzeugende tänzerische Technik, durch außergewöhnliches Talent Aufsehen erregen. Der Preis soll den Zukunftsträgern des Tanzes helfen, nationale und internationale Aufmerksamkeit zu gewinnen, in der Hoffnung, diesen Karrieren einen weiteren Schub zu vermitteln.

Christian Spuck: »Der Deutsche Tanzpreis »Zukunft« 2006 wird dem Choreographen Christian Spuck verliehen. Seine Kreationen zeichnen sich durch Originalität und einen hohen intellektuellen Anspruch aus, ohne in Unverständlichkeit auszuufern – wir sehen in ihm die Zukunft eines großen Choreographen.« Christian Spuck ist einer der beiden Haus-Choreographen des Stuttgarter Balletts. Er erhielt seine tänzerische Ausbildung an der John Cranko-Schule in Stuttgart, obwohl der gebürtige Marburger erst relativ spät mit dem Tanzen begonnen hat. Als er während seines Zivildienstes in Frankfurt William Forsythes Arbeiten gesehen hat, war das der Auslöser, den Tanz zu seinem Beruf zu machen. 1995 wurde er Mitglied des Stuttgarter Balletts, seine erste eigene Choreographie erarbeitete er ein Jahr später bei den »Jungen Choreographen« der Stuttgarter Noverre-Gesellschaft. Dieses Stück war so erfolgreich, dass das Stuttgarter Ballett und die Deutsche Oper Berlin es in ihre Repertoires aufnahmen. 1998 erfolgte seine erste Uraufführung beim Stuttgarter Ballett, »Passacaglia«. In der Zeitschrift Ballettanz wurde Spuck 1997/98 und 1999/2000 als bester Nachwuchs-Choreograph genannt. Seither hat Christian Spuck acht weitere Ballette für gemischte Ballettabende choreographiert. Sein erstes großes Handlungsballett schuf er mit »Lulu« für das Stuttgarter Ballett; damit setzt er die von Cranko begründete Tradition des Handlungsballettes erfolgreich fort. Auch das Ausland fragte nach – seit 1999 arbeitet Christian Spuck für renommierte Ballettcompagnien in Europa und in den USA: im Jahr 2000 »Adagio für Tänzer« für das New York City Ballett, was zu einem Werk für Hubbard Street Dance 2 führte und zu einer kontinuierlichen Zusammenarbeit, die gerade mit dem Chicagoer Tanzensemble diskutiert wird. Derzeit befasst er sich mit dem Konzept für das Königliche Ballett von Flandern, in der übernächsten Saison wird Christian Spuck für das Königlich Schwedische Ballett kreieren. Aber fleißig wie er ist, werden wir auch in Kürze in Stuttgart etwas Neues von ihm haben. Für eine Uraufführung im April ist er gerade dabei, ein neues Handlungsballett nach »Der Sandmann« von E.T.A. Hoffmann zu schaffen. Im vergangenen Jahr debütierte er gar als Opernregisseur, mit »Berenice« im Theater in Heidelberg. Wenn man soviel Erfolg hat, fragt man sich, ob da noch Herausforderungen offen bleiben. Doch Christian Spuck ist ein nachdenklicher Grübler, den der produktive Zweifel antreibt. Es ist nicht leicht, an einem Ort wie dem Stuttgarter Ballett, wo John Cranko seine Meisterwerke schuf, die noch heute Maßstäbe setzen. Spuck gelingt es jedoch, selbstbewusst und unbefangen seinen eigenen Weg zu gehen. Das erzählende, abendfüllende Format ist seine Sache: »Mein Interesse ist es, mich intensiv mit Stoffen und Figuren auseinanderzusetzen«, sagt er, »Ich will versuchen, die Inhalte auf der Bühne noch mehr auf den Punkt zu bringen.« Den Charakter einer Person zu ergründen und im Tanz auszuleuchten, ist eine Passion, die Spuck in seinem ersten Handlungsballett »Lulu« wunderbar verwirklicht hat. Dabei tun seine hohe Musikalität (er wollte ursprünglich Klarinettist werden), ein souveräner Umgang mit dem Raum, seine stilsichere Inszenierungskunst ihr Übriges. Er ist ein Ästhet mit dem Streben, inhaltliche Widerhaken ins vermeintlich Schöne zu setzen, was seine Kreationen schon klar als Spuck erkennen lässt. Fast zehn Jahre sind seit seinem Debüt als Choreograph vergangen. Die Aufträge sind stets größer geworden, doch eines ist gleich geblieben. Ich zitiere ihn: »Es ist mein Lebensinhalt, mich damit auseinanderzusetzen, wie ich innere Welten auf der Bühne sichtbar machen kann, um damit Menschen zu begeistern und zu berühren.«
Herzlichen Glückwunsch.

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