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Deutscher Tanzpreis »Zukunft« 2005
Flavio Salamanka
wurde 1984 in Brasilia, der Hauptstadt Brasiliens geboren. Er ist das siebte Kind von insgesamt acht Geschwistern, davon fünf Schwestern. Der Vater ist Offizier, die Mutter war Tänzerin und nimmt den dreijährigen Flavio gerne in ihre Ballettschule, die Academia Salamanka, mit. Sie möchte ihn in ihrer Nähe haben und bemerkt, dass er bald nicht mehr ruhig sitzen kann, wenn die anderen Schüler sich zur Musik bewegen. So macht er die Übungen mit, hört die Musik und setzt sie in Bewegung um. Eigene Improvisationen zunächst, aber seine Mutter erkennt die natürliche Begabung ihres Sohnes und lenkt sie sacht, doch bestimmt in Richtung klassischen Tanz. Sein Wunsch, Tänzer zu werden ist klar und wird von den Eltern unterstützt. Er soll an anderen Schulen, mit anderen Lehrern weiterstudieren. Nun vervollständigt er 1993 bis 1994 beim Nucleo de Dança und anschließend bis 1998 an der Academia de Ballet Karla Ferreira seine tänzerische Ausbildung. Mit knapp 14 Jahren erhält er beim Festival de Dança in Joinville, Brasilien einen Zweiten Preis – ein Erster Preis wurde nicht vergeben. Ab 1999 studiert er dann an der Escola de Dança Misailidis und 2000 bis 2002 am Studio de Danças, beides in Brasilia. Er ist ein harter Arbeiter und er macht es mit Begeisterung, ein eher ruhiger, bedächtiger Schüler, heiter aber nicht laut.
2002 erringt er beim Internationalen Wettbewerb in Brasilia die Goldmedaille. Hier begegnet er Birgit Keil und Vladimir Klos und erhält als besondere Auszeichnung den Grand Prix der Tanzstiftung Birgit Keil mit der Chance, an der Akademie des Tanzes in Mannheim sein Studium forzusetzen. Tanz ist Flavios Lebensinhalt geworden, die Sehnsucht nach immer vollkommenerer Beherrschung seiner Technik schiebt alle Zweifel beiseite! Brasilien – Europa: so lange Stunden Flug, eine fremde Sprache, ohne Familie, die Freunde zurücklassen, all das, was ihm mit seinen gerade siebzehn Jahre vertraut wurde? Ja, sein Ziel steht klar vor Augen – er will tanzen, will weiter studieren, die in Brasilia begonnene Zusammenarbeit mit Birgit Keil und Vladimir Klos fortsetzen, die Erfahrungen dieser beiden großen Künstler in sich aufnehmen, sich »einverleiben«. Birgit Keil und Vladimir Klos bringen zum Erblühen, was noch verborgen ist, überzeugen ihn von seiner Fähigkeit zu gestalten. Bei der Gala 2002 der Tanzstiftung Birgit Keil in Ludwigsburg macht er im Grand Pas de deux aus »Nussknacker» Publikum und Presse auf sich aufmerksam und eine Herausforderung und Auszeichnung besonderer Art ist für Flavio Balanchines »Apollo« mit der Akademie des Tanzes Mannheim.
Im Juli 2003 ist das Jahr an der Akademie des Tanzes fast zu rasch vorüber, das Studium mit einem ausgezeichneten Diplom abgeschlossen. Und wiederum sind es Birgit Keil und Vladimir Klos, die Flavio ans Badische Staatstheater Karlsruhe in das neue Ballettensemble holen. Die professionelle Arbeit kann beginnen. Training, Proben für die erste Premiere Ende Oktober im Kleinen Haus und dann Vorbereitung auf die erste große Hauptrolle im Januar 2004: Basil in »Don Quijote«. Diese Rolle verlangt klassische Line, Technik, Brillanz, jugendliche Männlichkeit, Charme, Komödiantisches, Kraft, Durchhaltevermögen und höchste Aufmerksamkeit für die Partnerin. Flavio Salamanka gibt alles und erntet Erfolg. Als Valmont in »Gefährliche Liebschaften« zeigt er eine andere Facette seiner tänzerischen und darstellerischen Nuancen. Beeindruckend gelingt ihm der Umschwung vom oberflächlichen, kalkulierenden Verführer zu einem Mann, der von wirklicher Liebe ergriffen wird. Seine Interpretation lässt ahnen, welche Tiefe und Darstellungskraft diesem jungen Künstler gegeben ist, was sich in »Kindertotenlieder« von Richard Wherlock erneut bestätigt. Als eine weitere Herausforderung folgt Albrecht in »Giselle« in der Choreografie und Inszenierung von Peter Wright. Er wird Ende November 2004 zwanzig, lächelt, seine Augen strahlen und es wird deutlich, er freut sich auf die Zukunft.
Text der Ehrenurkunde
Der Deutsche Tanzpreis »Zukunft« 2006 wird dem Tänzer Flavio Salamanka verliehen für seine erstaunliche Fähigkeit, in seinen noch so jungen Jahren die unterschiedlichsten Charaktere glaubhaft darzustellen. Aufbauend auf einer vorhandenen makellosen Technik, kann er mit tänzerischer Souveränität in eine strahlende Zukunft blicken.
Die Laudation von Prof. Dr. Norbert Lammert
Flavio Salamanka ist gerade einmal 20 Jahre jung. Er kommt aus Brasilien wie Marcia Haydée (Preisträgerin Deutscher Tanzpreis 1989), er gehört zu den ganz wenigen Brasilianern, die sich für Ballett mehr interessieren als für Fußball. Ob er jemals Fußballschuhe angezogen hat, weiß ich nicht, vielleicht ist er auch schon mit Ballettschuhen auf die Welt gekommen, jedenfalls ist verbürgt, dass er bereits mit drei Jahren in der Ballettschule seiner Mutter zu tanzen begonnen hat. Seitdem scheint es für ihn keine ernsthafte Irritation mehr gegeben zu haben in der Entschlossenheit, Tänzer zu werden. Nach dem Besuch mehrerer Ballettschulen im ganzen Land fällt er beim 12. Internationalen Tanzwettbewerb in Brasilia mit dem Gewinn der Goldmedaille auf, worauf Birgit Keil mit dem geschulten Blick für große Talente ihm prompt ein Stipendium für ihre Mannheimer Akademie des Tanzes verlieh, und ein Jahr später in ihr neu formiertes Ballett des Badischen Staatstheaters Karlsruhe engagiert hat. Von Brasilien nach Deutschland ist er definitiv nicht wegen der sprichwörtlichen Überlegenheit des deutschen Fußballs gekommen, sondern wegen der ihn wie uns ermutigenden Überzeugung, hier bessere Ausbildungs- und Berufsperspektiven als Tänzer anzutreffen als anderswo. Er kann sein ganzes südamerikanisches Temperament entfalten, wenn es um die Arbeitsbedingungen für Tänzer in Brasilien geht, und seine Verzweiflung über fehlende Perspektiven für professionelle Tänzer, Mangel an Geld und Organisation im eigenen Land wird so zu einer eindrucksvollen Relativierung unserer eigenen Nöte und Besorgnisse: »Eure Probleme möchten wir gerne haben …«
Beschwerden über seinen eigenen unzulänglichen Körperbau sind mir nicht bekannt geworden, sie wären durch seinen glanzvollen Auftritt heute Abend auch eindrucksvoll widerlegt: Er tanzt nicht nur »Apollo«, er wirkt auch so, und genau das glaubt er in Deutschland, in der Mannheimer Tanzakademie, gelernt zu haben: »Tanz setzt eine perfekte Technik voraus, aber er beginnt jenseits der Technik«. Das verbindet den Tänzer mit dem Musiker, die beide die größte denkbare Wirkung im Kopf wie in den Herzen ihrer Zuschauer und Zuhörer erzielen, wenn niemand die Technik bemerkt, auf der diese Wirkung beruht.
Irgendwann will Flavio Salamanka einmal Lehrer werden und an andere weitergeben, was er an Wissen gewonnen und an Erfahrungen gemacht hat, vielleicht in Brasilien. Bis dahin haben wir ihn hoffentlich noch lange hier bei uns.
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