Deutscher Tanzpreis »Zukunft« 2006

Jason Reilly

Porträt Jason Reillywurde im kanadischen Toronto geboren. Seine Ausbildung erhielt er an der National Ballet School in Toronto; bereits als Schüler tanzte er ihn Balletten bedeutender Choreographen. 1997 machte er seinen Abschluss und wurde Mitglied beim Stuttgarter Ballett. Nachdem er in der Spielzeit 2001/02 zum Halbsolisten aufgestiegen war, wurde er eine Spielzeit später zum Solisten befördert. Seit 2003/04 ist Jason Reilly Erster Solist des Stuttgarter Balletts.
Zu Jason Reillys Solorollen gehören Brighella in Pierrot lunaire von Glen Tetley, Colas in La Fille mal gardée von Frederick Ashton, Basilio in Maximiliano Guerras Neuschöpfung des Don Quijote für das Stuttgarter Ballett, Gaston in John Neumeiers Kameliendame, Benvolio und Romeo in John Crankos Romeo und Julia sowie Prinz Siegfried in Crankos Schwanensee.
Solistische Parts übernahm er unter anderem in Sinfonie in C von George Balanchine, Onegin, Der Widerspenstigen Zähmung, Initialen R.M.B.E. von John Cranko, Hans van Manens Kleinem Requiem, Le Sacre du printemps von Glen Tetley, die Titelrolle in David Bintleys Edward II.
Folgende Choreographen kreierten Rollen für Jason Reilly: Christian Spuck in seinen Stücken Passacaglia, Amores I, dos amores, das siebte blau, Carlotta’s Portrait, Songs und nocturne, Daniela Kurz in Schere Stein Papier, Dominique Dumais in still.nest, Douglas Lee in Curtain of Hands und Siren sounding, Jean-Christophe Blavier in E=mc², Mauro Bigonzetti in Quattro Danze per Nino sowie Itzik Galili in seinem Pas de deux Mono Lisa. Für die Veranstaltung »Junge Choreographen« der Stuttgarter Noverre-Gesellschaft schufen verschiedene Choreographen Rollen für Jason Reilly, darunter Marco Goecke.
Jason Reilly zählt inzwischen zu den profiliertesten Tänzern des Stuttgarter Balletts. Er hat mit bedeutenden Ballerinen wie Alessandra Ferri und Evelyn Hart getanzt.


Text der Ehrenurkunde

Der Deutsche Tanzpreis »Zukunft« 2006 wird dem Tänzer Jason Reilly verliehen für seine außergewöhnliche Begabung, fast ungestüm und doch diszipliniert die unterschiedlichsten Charaktere darzustellen, gepaart mit einer Technik, die über jeden zweifel erhaben ist.


Die Laudatio von Prof. Dr. Lothar Späth

Herr Bundestagspräsident, lieber Herr Lammert, Herr Erster Bürgermeister, lieber Herr Roehm, ich freue mich und fühle mich wirklich geehrt, zum dritten Mal als Laudator bei der Tanzpreisverleihung aufzutreten. Und noch das Glück zu haben, dass die beiden, für die ich als Laudator hier vor einiger Zeit schon gewirkt habe, nämlich Marcia Haydée und Birgit Keil, heute Abend hier sind. Ich hatte wirklich geglaubt, jetzt hätte ich alle meine Aufgaben als schwäbischer Laudator beim Tanzpreis erfüllt. Ich muss jetzt auch eingehen auf die Frage »...alles außer Hochdeutsch«: Wir haben unsere Fremdenfreundlichkeit immer dadurch bewiesen, dass wir beim Ballett auch die Leute aufgenommen haben, die nicht schwäbisch konnten – sonst hätten wir vielleicht dieses Ergebnis nicht in Stuttgart. Man sollte manchmal ohnehin in dieser umgekehrten Richtung denken – denn nur, wer seine persönlichen Grenzen öffnet, wer die Grenzen für das Internationale aufmacht und wer Kunst, Kreativität und den Bildern Raum gibt, die wir heute Abend sehen, der kann auf Zukunft hoffen. Deshalb ist es wichtig, dass der Bund und die Länder sich an das Thema Tanz machen, auch an das Förderthema Tanz. Ich habe aus meinen politischen Erfahrungen eine gewisse Skepsis mitgenommen, dass die Programme zwar fertig sind, aber ihre Finanzierung noch nicht steht. Auch aus dem Anlass, dass hier zum zweiten Mal der Tanzpreis »Zukunft« vergeben wird, möchte ich die privaten Mäzene ansprechen. Denn wir müssen uns abgewöhnen zu sagen, das sei nicht Aufgabe der Wirtschaft (vor allem der Wirtschaft, der es gut geht, und die haben wir ja zum Glück in Deutschland auch!). Es darf nicht der Stolz der Wirtschaft sein, nur die Aktionäre und die Gesellschafter zu befriedigen, sondern es muss auch wieder der Stolz sein, solche Compagnien und solche künstlerischen Einrichtungen in Städten und Gemeinden zu erhalten! Wohl ist das eine öffentliche Aufgabe, die die Privatwirtschaft nicht allein erledigen kann, aber es ist auch eine verdammte Pflicht, ein guter Bürger zu sein, auch für Wirtschaftsunternehmen, und dazu beizutragen, dass auch dieser Teil unseres internationalen Erscheinungsbildes wichtig ist. Wenn ich als baden-württembergischer Ministerpräsident ins Ausland gereist bin und sichergehen wollte, dass mir im Wirtschaftlichen nichts schief geht, dann habe ich das Ballett mitgenommen. Deshalb denke ich, wir sollten da zu einer anderen Form der Kooperation zurückkehren. Wir dürfen hier nicht soziale Elemente gegen Kunst-Elemente ausspielen. Kunst und Ballett sind ein sozialer Vorgang und sind im Tiefsten sozial. Wenn wir heute darüber reden, dass unsere Bildungsschwächen vor allem in Kreativ-Bereichen liegen, dann wird nur sichtbarer, dass das, was eine Nation in der Zukunft im Wettbewerb braucht, vor allem eine Industrienation wie Deutschland, Kreativität ist, das Potential in der jungen Generation. Deshalb kommt es nicht nur darauf an, wie wir mit Wissen bestückt sind, sondern mit welchen Entfaltungsmöglichkeiten wir unseren Kindern Chancen geben. Wer sieht, in welchem Alter die Chancen vergeben werden müssen, damit sie genutzt werden können, der kann nur dafür sein, dass wir gerade auch in der Diskussion über unsere Bildungs- und Zukunftspolitik diese Elemente viel stärker berücksichtigen.

Ich möchte jetzt zu meiner eigentlichen Aufgabe zurückkehren und natürlich Reid Anderson ganz herzlich beglückwünschen. Ich will noch einmal zum Zukunfts-Preis kommen und die Überlegung unterstreichen, die Herr Roehm schon angesprochen hat: Wenn wir nur überall, wo ein Ballett mit Nachwuchsschulung ist, einen Kreis aufbauen könnten, der zehn bis zwanzig Stipendien in einem Jahr an junge Talente vergeben kann, dann wären wir ein ganzes Stück weiter. Ich will ihnen die drei Beispiele vorstellen, die beweisen, wie wichtig und sinnvoll dieser Zukunfts-Preis ist, der auf Hoffnung und Vertrauen aufbaut, nämlich zunächst auf das Vertrauen in ein großes künstlerisches Talent, und dann in das Hoffen, dass dieses Talent zu einer außergewöhnlichen Zukunft führt. Deshalb gilt der Preis denen, die schon aus eigener Leistung in der aktiven Bühnenlaufbahn stehen, die durch überzeugende tänzerische Technik, durch außergewöhnliches Talent Aufsehen erregen. Der Preis soll den Zukunftsträgern des Tanzes helfen, nationale und internationale Aufmerksamkeit zu gewinnen, in der Hoffnung, diesen Karrieren einen weiteren Schub zu vermitteln.

Jason Reilly – »Der deutsche Tanzpreis »Zukunft« 2006 wird dem Tänzer Jason Reilly verliehen für seine außergewöhnliche Begabung, fast ungestüm und doch diszipliniert die unterschiedlichsten Charaktere darzustellen, gepaart mit einer Technik, die über jeden Zweifel erhaben ist.« Jason Reilly wurde in Toronto geboren, er studierte an der National Ballet School. Bereits als Schüler tanzte er in den Balletten bedeutender Choreographen, 1997 machte er seinen Abschluss und wurde mit nur 17 Jahren Mitglied des Stuttgarter Balletts. Nach Stuttgart kam er, nachdem der langjährige Leiter des National Ballet of Canada, Reid Anderson, selbst nach Stuttgart ging und ihm hier einen Vertrag anbot. Auf die Frage, ob er denn nicht einsam war, so ganz alleine und weit weg von Zuhause, antwortet Reilly: »Ich hatte sowas von Spaß!«. Nachdem er in der Spielzeit 2001/2002 zum Halbsolisten aufgestiegen war, wurde auch er nur eine Spielzeit später, mit 23 Jahren, zum Solisten befördert.
Der 26-Jährige gilt als einer der seltenen Alleskönner unter den Tänzern. Gern wird er mit Richard Cragun verglichen, denn Reilly tanzt nicht nur alle Rollen Craguns, sondern er ist wie dieser vollkommen – ein Tänzer, dem körperlich und technisch alles zur Verfügung steht und der sich scheinbar mühelos alle Stile zu eigen machen kann. Die modernen Choreographen lieben ihn wegen seiner Schnelligkeit und Coolness. Besonders aber beherrscht er das, was in Stuttgart am wichtigsten ist: Cranko, Schauspiel, Dramatik. Er gehört zu den immer seltener werdenden dramatischen Tänzer und beherrscht es, den Sinn der Bewegungen aus der Musik heraus zu empfinden, sie sich vollkommen zu eigen zu machen und ihnen eigene Nuancen zu geben. Diese Bühnenpersönlichkeit ist genau das, was einen wirklich großen Tänzer ausmacht, es ist am Ende nicht die Technik und das Sprungvermögen. Eine Persönlichkeit ist er auch abseits des Rampenlichts. Mit seinen Tattoos und Piercings wird er hin und wieder auf der Straße von der Stuttgarter Polizei um den Ausweis gebeten. Wie ein typischer Ballettprinz sieht er nun wirklich nicht aus. Aber es ist gerade seine Lockerheit, die ihn so unglaublich sympathisch macht.
Zum Ballett kam Reilly durch seinen älteren Bruder, der Tanzunterricht nahm. Er bewunderte ihn vor allem beim Mädchen-Hochheben. Die Mutter schickte schließlich auch den Jüngeren in die Tanzschule. Im Mai dieses Jahres wird der inzwischen weltweit gefragte Tänzer zum ersten Mal in Toronto gastieren, bei der Compagnie, mit der er aufgewachsen ist. Er kommt als ein Star zurück. Trotzdem bleibt es nur bei einem Aufenthalt auf Zeit – sie sehen meine Erleichterung – denn Stuttgart ist jetzt sein Zuhause, sagt er selbst.
Er spielt alle Rollen mit Hingabe. Er braucht Emotionen und Drama. Obwohl er von weißen Strumpfhosen nicht so begeistert ist, spielt er mit Intensität den Prinzen, er arbeitet sich aber auch in die fiese Figur des Stanley Kowalski aus »Endstation Sehnsucht« ein. Er tanzt mit Romeo und Petruchio bereits zwei große Cranko-Rollen, derzeit studiert er die schwierigste, den Onegin. Einen Lieblingsstil hat Reilly nicht, er mag einfach alles. Aufgrund seiner herausragenden Interpretation klassischer Rollen sowie Ausdrucksstärke und technischer Brillanz in modernen Balletten wurde Reilly wiederholt in den jährlichen Umfragen der Zeitschrift Ballettanz zu den profiliertesten Tänzern gezählt. Auf die Frage, ob er ehrgeizig ist, meint Reilly: »Nein. Ja. Aber nur, weil ich das so liebe, was ich mache.«
Herzlichen Glückwunsch!

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