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Deutscher Tanzpreis »ZUKUNFT« 2009
Marijn Rademaker
Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises »Zukunft« an Marijn Rademaker fand am 21. März 2009 im Aalto Theater Essen statt. Die Laudatio hielt Christian Spuck (Haus-Choreograph des Stuttgarter Balletts und Träger des Deutschen Tanzpreises »Zukunft« 2006).
Der Preisträger
Marijn Rademaker wurde im niederländischen Nijmegen geboren und erhielt seine Ballettausbildung an der Nationalen Ballettakademie in Amsterdam, an der Hochschule der Künste in Arnheim und am Königlichen Konservatorium in Den Haag. Im Jahr 2000 wurde er Mitglied beim Stuttgarter Ballett, und schon bald entdeckten ihn die Choreographen in Stuttgart für ihre Uraufführungen. Christian Spuck schuf Hauptrollen für ihn in »Lulu« und »Der Sandmann«, Wayne McGregor und Marco Goecke setzten ihn in ihren Kreationen ein, später choreographierte Mauro Bigonzetti für ihn die zentrale Rolle des Rocco in »I fratelli«. 2004 stieg Rademaker zum Halbsolisten auf und im Juli 2006 wurde er noch am Abend seines umjubelten Debüts als Armand in John Neumeiers »Die Kameliendame« spontan von Ballettintendant Reid Anderson zum Ersten Solisten ernannt.
Rademaker machte sich nach und nach das breite Stuttgarter Repertoire zu eigen, überzeugte nicht nur als John Crankos Romeo und Lenski, sondern auch in den modernen Klassikern von George Balanchine, Jerome Robbins, Jir?í Kylián oder Hans van Manen. Er wurde als Prinz Desiré und als Siegfried in den Petipa-Klassikern besetzt und erwies sich vor allem in »La Sylphide« als hervorragender Bournonville-Stilist. Mit seiner großen Wandlungsfähigkeit vom Danseur noble bis zu Marco Goeckes hypernervösem Stil, mit seinem natürlichen Schauspiel, einer sauber polierten Technik und mühelosen Hebungen fällt der hellblonde Tänzer nicht nur durch sein gutes Aussehen auf und ist einer der erklärten Lieblinge des Stuttgarter Publikums. Neben der Titelrolle in Glen Tetleys »Pierrot lunaire« markiert ein weiteres Neumeier-Ballett eine wichtige Station in seiner Entwicklung: Im April dieses Jahres beeindruckte Rademaker als äußerlich engelsgleicher, innerlich tiefschwarzer Jago in John Neumeiers »Othello«. Mit dem modernen Solo »Äffi«, das Marco Goecke 2005 zu drei Songs von Johnny Cash für ihn choreographierte, gastierte der junge Niederländer auf zahlreichen Galas und gewann 2006 für seine Interpretation den deutschen Theaterpreis »Der Faust«. Er gastierte unter anderem beim Hamburg Ballett und gerade erst mit großem Erfolg als »Peer Gynt« in Heinz Spoerlis gleichnamigem Ballett in Zürich. (Angela Rheinhardt)
Der Text der Ehrenurkunde
Der Deutsche Tanzpreis »Zukunft« 2009 wird dem Tänzer Marijn Rademaker verliehen.
Marijn Rademaker überzeugt bereits in seinen jungen Jahren nicht nur durch souveränes Beherrschen des weiten Spektrums der heutigen klassischen wie modernen Tanztechnik, sondern auf dieser sicheren künstlerischen Basis ebenfalls durch seine, man möchte sagen, perfekte Interpretation unterschiedlichster Charaktere in den Hauptrollen klassischer wie zeitgenössischer Choreographien.
Verliehen zu Essen am Samstag, dem 21. März 2009
Die Laudatio von Christian Spuck
Laudatio von Christian Spuck
Wenn eine Mutter ihren achtjährigen Sohn zum Ballett schickt, liegen die Gründe meist auf der Hand: Es ist eine Rettungsmaßnahme für das Wohnungsinventar, welches durch unprofessionelles Herumgehopse in schwere Mitleidenschaft gezogen werden könnte … Geschrei wie »Ballett ist nur für Mädchen« nützen da wenig!
Für diese durchgreifende Maßnahme sind wir heute alle dankbar … weniger wegen der geretteten Wohnungseinrichtung … denn somit ist die Tanzwelt um einen unglaublich talentierten Künstler reicher – um Dich lieber Marijn.
Guten Abend sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Prof. Lammert,
sehr geehrter Herr Dr. Reiniger,
sehr geehrter Herr Spoerli,
lieber Ulrich Roehm.
Als ich Dich – lieber Marijn – das erste Mal im Training beim Stuttgarter Ballett gesehen habe, warst du gerade 18 geworden. Und es ist eine schreckliche Angewohnheit von Künstlern – besonders am Theater – immer gleich ein Urteil zu fällen. So ging es mir durch den Kopf: jung, hübsch, mäßig begabt, schüchtern – aber mit einem erkennbaren eisernen Willen.
Unser Direktor, Reid Anderson, flüsterte mir noch zu: »Der wird Dir gefallen – aus dem wird mal was.« »So, so«, dachte ich. Aber wie meist hatte unser Direktor recht. Für diese leichte Fehleinschätzung möchte ich mich heute bei Dir entschuldigen.
Frisch von der Ausbildung an der Hochschule der Künste in Arnheim und am Königlichen Konservatorium in Den Haag warst Du in Stuttgart eingetroffen, und startetest Deine Karriere wie jede Karriere in Stuttgart im Corps de Ballet: 3. Reihe, 4. von links: »Blumenwalzer«, »Tarantella«, »Erste Hochzeit«, »Zweite Hochzeit«, »Polonaise«, Froschkönig in »Dornröschen« usw. usw.
Der Anfang war nicht leicht, mehrfach musstest Du auch länger wegen gesundheitlicher Probleme pausieren – und Deine Gabe, dennoch positiv mit der Situation umzugehen, hat mich überrascht. Auf einmal schautest Du dem Bühneninspizienten über die Schulter mit dem Kommentar: »Ich muss wohl was Neues lernen …« – Und dabei hast Du gelacht …
Du hast es immer wieder in kürzester Zeit auf die Bühne zurück geschafft: Schnell kam dann die Rolle des Benvolio dazu. Und wir in Stuttgart wissen alle, wer den Benvolio bekommt, der hat den Weg zum Solisten gestartet, und Du Marjin startest glänzend. Dann kamen Romeo, Lenski, Prinz Siegfried, Lucentio, Pierrot, Allan Gray, James, Don José usw.
Klar geworden, was für ein unglaubliches Talent Du bist, ist mir bei Deinem »Pierrot Lunaire« von Glen Tetley. Mit welcher Ruhe, Kraft und Ausdauer Du die Figur in den Proben gesucht hast, ihr in der Vorstellung einen so facettenreichen Charakter gegeben hast … die sperrige aber wunderschöne Musik verinnerlich hast.
Hier war zu erleben, was Paul Klee mal gesagt hat: »Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder – sondern macht sichtbar.« Du schaffst es, uns hinter die Figuren schauen zu lassen – was uns oft tief berührt. Du schaffst es, uns in den Bann zu ziehen, nicht nur durch Deine lupenreine Technik und Deine Ausstrahlung auf der Bühne – sondern vielmehr durch die Tiefe und Menschlichkeit, die Du den Figuren gibst, welche Du tanzt. Und dabei arbeitest Du meist intuitiv, hast ein Gespür für den Moment, ohne alles zu durchdenken und künstlich wirken zu lassen.
Eine Deiner Sternstunden bisher war sicherlich Dein Debüt als Armand Juval in John Neumeiers »Kameliendame«. Ich glaube, John Neumeier hat geahnt, welches darstellerische Talent in Dir verborgen liegt, welche Fähigkeit zur emotionalen Hingabe Du hast. So war dies doch deine allererste ganz große Rolle.
Ich war dort an diesem Abend, hatte kurz vorher erfahren, dass Du zurecht zum Solisten befördert werden solltest. Die Vorstellung war unglaublich – ein schöner Moment in Stuttgart und für das Stuttgarter Ballett.
Dass Reid Anderson, unser Direktor, während des Schlussapplauses auf die Bühne kam und Dich kurzerhand vor dem Publikum zum Ersten Solisten ernannte, war ein Ereignis, welches ich so noch nie erlebt hatte. Du hattest ihn einfach überzeugt, dass Du einer der führenden Tänzer der Compagnie sein kannst. Und in seiner Begeisterung stürmte er die Bühne, solche Momente sind kostbar, und mit anwesendem Publikum, mit Compagnie und Orchester wurdest Du so eben mal vom Halbsolisten zum Ersten Tänzer gekürt.
Dass John Neumeier Dich später in einer vollkommen anderen Figur – als Jago in seinem »Othello« – besetzt hat, bestätigte nur Dein Vermögen, Figuren auf der Bühne zum Leben zu erwecken und ihnen Tiefe und Intelligenz zu geben – egal welchen Charakters: Ob unterschwellige Gewalt, rauschende Liebesgefühle oder verklemmte Spießer, die sich in Traumwelten phantasieren … jede Figur scheinst Du verinnerlichen zu können.
Mit Dir im Ballettsaal zu sein, lieber Marijn, ist für einen Choreographen – und da kann ich nur für mich sprechen – manchmal auch gar nicht so leicht. Zu sehr willst Du wissen, warum ist das so, und warum nicht so, und kann man nicht so, warum denn so, und wenn es mal kein Ergebnis gibt in der Probe, gehst Du auch gerne aus dem Saal mit einem »God verdamme!«
Aber darum liebe ich es so, mit Dir zu arbeiten. Dir geht es um die Sache; Du möchtest ein Ergebnis und bringst Dich vollkommen ein. Es muss spannend für Dich bleiben … und das ist auch Dein gutes Recht!
Im abstrakten Fach bist Du ebenso zu Hause: Mit Marco Goeckes »Äffi« hast du ein phantastisches Solo berühmt gemacht und den »Faust 2006« für die beste Darstellung im Tanz erhalten.
Bleibt die Frage, warum Dir der Tanzpreis »Zukunft« verliehen wird? Im Repertoire hast Du Arbeiten aller großen Choreographen bereits getanzt: von George Balanchine über Jerome Robbins, John Cranko, Jir?í Kylián, Uwe Scholz, Glen Tetley, Hans van Manen, Wayne McGregor usw. Mittlerweile gastierst Du in der ganzen Welt.
Mauro Bigonzetti choreographierte für Dich die Hauptrolle des Rocco in »Il Fratelli. Die Brüder«. Du wirst von den großen Choreographen wie Heinz Spoerli eingeladen, die Hauptpartie in seinem Ballett »Peer Gynt« zu tanzen. John Neumeier vertraut Dir wichtige Partien seiner Ballette an, lädt Dich nach Hamburg ein und wird sich bestimmt von Dir noch zu größeren Werken inspirieren lassen.
Und bei alledem bleibst Du am Boden, machst Deine Arbeit ernsthaft und ehrlich. Du hast alles erreicht, wovon ein Tänzer träumt. Das Publikum jubelt Dir zu. Deine Kollegen schätzen Dich sehr. Die großen Choreographen wollen mit Dir arbeiten …
Deine Zukunft als Tänzer ist doch schon da, also: Warum Tanzpreis »Zukunft«?*
Vielleicht versteckt sich in diesem Preis die Hoffnung und Aufforderung an Dich, ein ganz Großer der Tanzwelt zu werden; ein Künstler, der es schafft, neue Wege zu finden; ein Tänzer, der Spuren hinterlassen wird.
Ich bin überzeugt, dass dies so sein wird, und freue mich unglaublich, dass diese Ehrung Dir heute zuteil wird und gratuliere Dir von ganzem Herzen.
Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft, große Momente auf der Bühne und Glück in Deiner weiteren Karriere.
Werde bald wieder gesund, damit wir wieder zusammen arbeiten können.
Mein lieber Kaaskopp, ein berühmter Mann hat mal gesagt: »O mens, leren dansen, anders weten de engelen in de hemel met ü niets te beginnen.«**
Herzlichen Glückwunsch!
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* Aus der Festschrift Deutscher Tanzpreis »Zukunft« 2009 für M. Rademaker »Der Deutsche Tanzpreis ›Zukunft‹ gilt nicht den Studierenden, der Hoffnung, sondern denen, die aus eigener Leistung bereits in der aktiven Bühnenlaufbahn stehend, durch überzeugende tänzerische Technik, darstellerische Gestaltungsfähigkeit, einfach durch außergewöhnliches Talent bereits Aufsehen erregen und mit großer Wahrscheinlichkeit einer großen Karriere entgegen sehen. Hier schwebt der Deutsche Tanzpreis ›Zukunft‹ verständlicherweise etwas zwischen den Entwicklungszeiten: Von der ›Entdeckung‹ und Auswahl können planungsbedingt leicht bis zu zwei Jahre vergehen, und die ausgewählte Künstlerpersönlichkeit ist bereits in die erwarteten höheren Sphären aufgestiegen. Was die Wahl nur noch berechtigter erscheinen lässt und eben zeigt: Manchmal kann man in die ›Zukunft‹ sehen.«
** »O Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen.« – Aurelius Augustinus, Bischof und Kirchenlehrer (354–430)
Dankworte des Preisträgers
Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist etwa drei Wochen her, da habe ich mir die Verleihung der Oscars angeschaut und gedacht: »Mann, ist das Bedanken immer langweilig!« Aber jetzt stehe ich hier und begreife, wie wichtig es ist, sich zu bedanken, zu bedanken bei denen, die mich unterstützt, gefördert haben, die mir geholfen, dahin zu kommen, wo ich heute bin. Ohne sie wäre ich nicht der gleiche Tänzer, nicht die gleiche Person, die ich heute bin. Darum möchte ich mich nun bei ihnen bedanken.
Zunächst natürlich bei meinen Eltern: Lieber Papa und liebe Mama, Ihr habt mich immer unterstützt in allem, was ich gemacht habe. Das finde ich toll. Und, wenn ich was gemacht habe, was nicht gut oder nicht zu verantworten war, habt Ihr mich eben nicht unterstützt und mir selbstverständlich erklärt, warum Ihr das nicht tut. Auch das finde ich toll! Ich bin so glücklich, dass ich Euch als Eltern habe.
Dann kam ich zunächst in die Schule in Arnheim. Dort war Herr John Bliekendaal mein Herren- und Pas-de-deux-Trainer. Nach ein paar Jahren wollte ich fast die Schule wechseln. Ich wusste nicht genau, was ich machen sollte oder ob ich überhaupt etwas machen sollte. Eines Tages nahm John mich zur Seite und sagte: »Du solltest fragen, was die verschiedenen Schulen Dir als Tänzer zu bieten haben.« Heute ist mir klar: Durch diese Fragestellung habe ich einen ganz anderen Weg eingeschlagen, und habe für mich realisiert, dass ich über mein eigenes Leben entscheiden kann und dafür auch die Verantwortung übernehmen muss. Für diese Lehre möchte ich mich sehr bei ihm bedanken. Dankjewel!!
Und nun zum Boss – Reid Anderson. Lieber Reid, Dir habe ich soviel zu verdanken! Du hast mir geholfen, mir vertraut, mir viel beigebracht und mir viele tolle Chancen gegeben, mich gefördert und vor allem: Du hast soviel Geduld mit mir gehabt. Wie hast Du mich bloß ausgehalten!? Du hast viel Geduld, und nach meiner Meinung ist das sehr wichtig, weil ein Künstler und damit auch die Kunst selber Zeit braucht, um sich zu entwickeln. Lieber Reid, tausend Dank!
Christian Spuck, ich möchte Dir auch sehr danken. Seit ich in der Compagnie in Stuttgart bin, haben wir immer wieder zusammen gearbeitet. Du hast mir tolle Rollen anvertraut. Ich hoffe, dass wir uns in unserer Zukunft noch vielmals sehen. Danke!
Viel anvertraut hat mir auch John Neumeier. Den Armand Juval in der »Kameliendame« und den Jago in »Othello« zum Beispiel. Zwei sehr schöne und sehr unterschiedliche Rollen. Für dieses Vertrauen, für Deine Integrität und für die Art und Weise – für die Kunst, wie Du mit uns Tänzern arbeitest – möchte ich mich sehr bedanken. Mit Dir zu arbeiten, ist immer wieder eine Bestätigung, dass noch etwas sehr Besonderes und Schönes in unserer Tanzwelt und auf unserer Erde passiert. Und in der heutigen Zeit brauchen wir das wirklich alle! Vielen Dank dafür!
Obwohl sie heute nicht hier ist, möchte ich mich auch bei Sue Jin Kang bedanken. Ich arbeite sehr viel mit ihr und sie hat mich soviel gelehrt. Vor allem hat sie mich gelehrt, auf meine Intuition zu hören, einfach weiter zu arbeiten, zu arbeiten und zu arbeiten. Sie ist wirklich toll! – Danke Sue!
Und natürlich möchte ich mich bei meinem Freund und Kollegen Evan bedankt. Ich bin froh, dass Du da bist! Danke für Deine Unterstützung und Liebe und für Dein sehr kritisches Auge! Ich freue mich auf unsere Zukunft!
Und last but of course not least möchte ich Herrn Roehm, dem Deutschen Berufsverband für Tanzpädagogik, dem Verein zur Förderung der Tanzkunst in Deutschland, Prof. Dr. Norbert Lammert und mit ihm der »Norbert-Lammert-Stiftung« für diese große Ehre danken.
Ich werde mein Bestes geben und versuchen, der Ehre dieses Preises gerecht zu werden. Ich hoffe, dass wir alle mit unserer Tanzkunst die Welt ein bisschen schöner machen können, sodass da keine so schrecklichen Dinge passieren, wie in der vergangenen Woche. Wir können da sicherlich etwas zu beitragen. Also: auf die Zukunft!
Vielen Dank!
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