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Deutscher Tanzpreis »ZUKUNFT« 2007
Terence Kohler
Porträt Marian Walter
Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises an Terence Kohler fand am 28. April 2007 im Aalto Theater Essen statt. Die Laudatio hielt Dr. Iris-Jana Magdowski (Vizepräsidentin der Kulturpolitischen Gesellschaft).
Der Lebenslauf
Er gehört zu einer seltenen Spezies auf deutschen Bühnen. Terence Kohler, der gerade mal 22 Jahre jung ist, choreographiert nämlich ganz auf der Basis des klassisch-akademischen Tanzes, und er tut dies auf eine Art und Weise, die inzwischen für einiges Aufsehen sorgt. Seine künstlerische Heimat hat Kohler in Karlsruhe. 2003 wurde er Mitglied im Ballettstudio des Badischen Staatstheater, ehe ihn ein Jahr später Birgit Keil, die Direktorin der Ballettcompagnie, als Tänzer und Choreograph engagierte.
Terence Kohler stammt aus der australischen Metropole Sydney. Dort studierte er am McDonald College Tanz, und schon bald entdeckte man seine choreographische Begabung. So entstand im Jahr 2000 das Stück »bodies«, und im folgenden Jahr lud ihn Dame Margaret Scotts, die Gründerin der Australian Ballet School, ein, für einen choreographischen Workshop in Melbourne zu kreieren: »Figures in a Landscape«. 2001 schuf er zudem »Transcending Continuoso« für die in Sydney ansässige Premier State Youth Ballet Company. Anschließend ermöglichte ihm ein Stipendium der Tanzstiftung Birgit Keil, seine Ausbildung an der Akademie des Tanzes in Mannheim fortzusetzen. Für die Tanzcompagnie der Mannheimer Hochschule für Musik und Darstellende Kunst erarbeitete er eine erste Fassung von »just before falling« und »intermezzo für 20«. 2003 erstellte Kohler für das Projekt »Kunst auf der Baustelle« eine neue Fassung von »just before falling« mit dem Titel »elevation«.
Während seiner Zeit im Ballettstudio des Badischen Staatstheaters tanzte Kohler in diversen Balletten und Opernproduktionen und überarbeitete »just before falling«. 2004 wagte er sich dann an ein größeres Werk: »Writing the Light« für die Akademie des Tanzes.
In seinem ersten Jahr als Mitglied im Ballett des Badischen Staatstheaters choreographierte Kohler dann »in the near distance« (2005), und »Intermezzo für 20« wurde ins Repertoire der Ballettcompagnie übernommen. Ebenfalls 2005 entstand »Transcended – in a movement and a half« anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Tanzstiftung Birgit Keil.
Im Mai 2006 führte dann das Ballett des Badischen Staatstheaters Kohlers erste Auseinandersetzung mit einem Stoff der Weltliteratur auf, »Anna Karenina« nach dem Roman von Lew Tolstoi. In der diesjährigen Umfrage der Zeitschrift »ballett-tanz« wurde Terence Kohler von Wiebke Hüster (Frankfurter Allgemeine Zeitung) als »bemerkenswerter Nachwuchschoreograph« nominiert. Im kommenden Jahr steht eine weitere abendfüllende Produktion von Terence Kohler auf dem Programm des Badischen Staatstheaters, und zwar »Die Tempeltänzerin« nach Marius Petipas »La Bayadère«. (Klaus Kieser)
Der Text der Ehrenurkunde
Der Deutsche Tanzpreis »Zukunft« 2007 wird dem Choreographen Terence Kohler verliehen. Schon in der Akademie des Tanzes Mannheim machte der Student Terence Kohler mit interessanten Choreographien auf sich aufmerksam. Seine überragende kreative Begabung, auch mit großen Gruppen und an anspruchsvollen, zum Teil literarischen Themen zu arbeiten, wusste seine Mentorin Birgit Keil für das Ballett des Badischen Staatstheaters Karlsruhe zu nutzen, indem sie ihn dort mit Aufsehen erregenden Kreationen beauftragte. Als jugendlicher Nachwuchs-Choreograph erscheint er der Jury als eine zur Zeit einmalige Erscheinung.
Verliehen zu Essen am Samstag, dem 28. April 2007
Die Laudatio von Dr. Iris-Jana Magdowski
Die nonverbale Sprache des Tanzes hat bereits in eindrucksvoller Weise die Begründung für die Verleihung des Deutschen Tanzpreises »Zukunft« an Katja Wünsche, Marian Walter und Terence Kohler geliefert. In Worte zu fassen, was die Sinne begeistert, ist schwierig und gelingt dem Kulturpolitiker, wenn er nicht gerade Norbert Lammert heißt, nur äußerst selten. Doch die Verleihung des Deutschen Tanzpreises seit nunmehr 24 Jahren und die Verleihung des Tanzpreises »Zukunft«, der seit drei Jahren in Zusammenarbeit mit der Tanzstiftung Birgit Keil vergeben wird, ist eben nicht nur ein kultureller Veranstaltungshöhepunkt in Essen, im Ruhrgebiet, in der Kulturhauptstadt Europas 2010, sondern zugleich kulturpolitische Botschaft.
Mit dem Deutschen Tanzpreis wird eine Auszeichnung von Tanzschaffenden an Tanzschaffende von hohem Rang überreicht – so die offizielle Begründung 1983. Der Tanzpreis »Zukunft« baut auf dieser Tradition auf. Er ist zugleich das kulturpolitische Bekenntnis zum Tanz als einer selbstständigen, herausragenden Gattung der darstellenden Kunst, die grenzüberschreitend mit immensem schöpferischen Gestaltungswillen das Neue sucht, Traditionen wertschätzt und weiterentwickelt.
Natürlich stehen im ersten Teil der Gala die jungen künstlerischen Talente im Vordergrund. Immerhin soll – nach dem Willen der Initiatoren – der Deutsche Tanzpreis »Zukunft« den Preisträgern zu nationaler und internationaler Anerkennung verhelfen und ihnen den Weg zu einer großen Karriere ebnen.
Doch die Biographien aller drei Preisträger belegen, dass sie den ersten Teil dieses Weges bereits erfolgreich beschritten haben und ihre Auszeichnung zugleich eine Anerkennung für die Zukunftsfähigkeit des Tanzes in Deutschland ist.
Der Verein zur Förderung der Tanzkunst in Deutschland hat in den letzten Jahren Preisträger aus der ganzen Welt ausgezeichnet, die hier in Deutschland ihre künstlerische Heimat gefunden haben. Die Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland sind phantastisch, schwärmt Terence Kohler, der in seiner Heimat Australien kaum eine von der öffentlichen Hand unterhaltene Ballettcompagnie kennt. Gerade weil die öffentliche Förderung mit einigen Abstrichen in Deutschland noch funktioniert und Orientierungspunkte im eigenen Land braucht, ist es aber auch wichtig, dass Deutschland der eigene Nachwuchs nicht abhanden kommt.
Jedenfalls freue ich mich, dass unter den drei Preisträgern des heutigen Abends mit Katja Wünsche und Marian Walter zwei fast waschechte Berliner sind, die allen Unkenrufen zum Trotz beweisen, dass uns die Talente noch nicht ausgegangen sind.
[...]
Terence Kohler
»Tanzen muss ich jetzt,
Musik kann ich auch noch später machen«
Terence Kohler, der heute mit dem Deutschen Tanzpreis »Zukunft« für Choreographie ausgezeichnet wird, hat seine Musik- und Tanzausbildung in Australien erhalten und sich dann für den Tanz entschieden. Er ist ein polyglottes Multitalent aus einer künstlerisch orientierten Familie.
Aber auch für Terence Kohler ist aller Anfang schwer. Schon als Kind möchte er, ganz die Mutter, Theater spielen, aber wo? Auf der Suche nach einer Spielstätte wird er bald fündig und funktioniert kurzerhand die elterliche Garage in einen Theaterraum um. Hier führt er gemeinsam mit anderen Kindern aus der Nachbarschaft Filme von Walt Disney als Theaterstücke auf. Wie Bill Gates, der in einer Garage seine erste Firma gründete, hat Terence Kohler auf eine charmante Weise den Beginn seiner künstlerischen Existenz einer Garage zu verdanken.
Mit knapp 18 Jahren entschließt sich Terence Kohler nach Deutschland zu gehen. Es ist ein Abenteuer für ihn, aber auch eine große Chance. Sein Vater ist deutschstämmig, das Land ist ihm mental also nicht ganz fremd und bietet ihm ausgezeichnete Entwicklungs- und Arbeitsmöglichkeiten. Inzwischen hat Birgit Keil ihn entdeckt und an die Akademie des Tanzes nach Mannheim geholt, wo sie selbst Professorin und Direktorin ist. Birgit Keil, die wie keine andere in den letzten Jahren junge Talente entdeckt und mit ihrer Stiftung gefördert hat, sieht sein Talent als Choreograph, sieht in seiner zweiten Leidenschaft für die Musik Möglichkeiten, die über das Tänzerische weit hinausgehen. Schon als Student macht er eigene Kreationen für die Mannheimer Tanzakademie und bald darauf für das Karlsruher Ballett, das Birgit Keil leitet.
Seit der Spielzeit 2004/2005 ist Terence Kohler am Ballett des Badischen Staatstheaters Karlsruhe als Choreograph und Tänzer engagiert. Als Choreograph hat er so die Chance, seine beiden Leidenschaften Musik und Ballett zu verbinden. Bei seinen Choreographien bildet die Musik häufig den Ausgangspunkt. In »Intermezzo for 20«, eine Choreographie, die er bereits an der Mannheimer Hochschule konzipiert hat, formieren sich z.B. die Tänzerinnen in immer neuen Linien passgenau zu Schostakowitschs Ballettsuiten. Terence Kohler arbeitet gern mit größeren Gruppen, weil er dann die Möglichkeit hat, auf der Bühne etwas visuell Interessantes oder der Vielschichtigkeit der Musik Entsprechendes zu gestalten.
Berührungsängste zwischen Ernstem und Unterhaltendem – lange Zeit eine typisch deutsche Diskussion – gibt es bei ihm nicht. Die klassische Ausdrucksform ist die Grundlage, »aber wir müssen die Grenzen des klassischen Tanzes erweitern, um ihn lebendig zu halten«, sagt er. Dazu gehören dann auch HipHop, Modern Dance und Zeitgenössisches. Bei ihm spannt sich der Bogen vom klassischen Handlungsballett »Anna Karenina« bis zu Experimenten mit Videokunst.
Terence Kohler möchte mit seinen Choreographien die Phantasie und Vorstellungskraft des Publikums anregen. »Wer ins Theater geht, soll für einige Zeit die Welt da draußen vergessen«, sagt er. Sein Publikum möchte er mitreißen, statt es zu belehren. Er hat ganz einfach eine ganz andere Sicht der Dinge. Es ist der frische Wind, der von außen kommt und den ein Theater braucht, wenn es lebendig bleiben will. Terence Kohler ist ein glänzendes Beispiel dafür, dass die Internationalität der Künstler und ihre kulturelle Vielfalt unsere deutschen Theater bereichern.
Terence Kohler hat die Förderung, die ihm Birgit Keil zu Beginn seiner Karriere zu teil werden ließ, mit exzellenter Arbeit erwidert. Davon hat das Karlsruher Ballett ohne Zweifel profitiert.
Das Karlsruher Ballett wurde mit »Intermezzo for 20« von der Bayerischen Staatsoper 2005 zur Saisoneröffnung eingeladen. »Das Karlsruher Ballett hat sich unter der Direktion von Birgit Keil innerhalb kürzester Zeit als eine jugendliche Compagnie von herausragender Dynamik profiliert«, lobte damals die Bayerische Staatsoper.
»Es war ein voller Erfolg: schwungvoller Auftakt einer noch ganz unbekannten Compagnie«, lauteten später die Kommentare in den Feuilletons.
Terence Kohler hat noch viel vor in Karlsruhe. Es wäre schön, wenn der Tanzpreis »Zukunft« ihn darin bekräftigt, dass seine künstlerische Heimat Deutschland geworden ist.
Terence Kohler: Herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Tanzpreis »Zukunft« 2007.
Die Laudatorin Dr. Iris-Jana Magdowski
Sie wurde in Gelsenkirchen im Ruhrgebiet geboren. Als Jugendliche galt ihre große Leidenschaft dem Ballett – bis zur aktiven Teilnahme am täglichen Training des Gelsenkirchener Ballettensembles. Hier lernte sie jedoch auch bald ihre tänzerischen Grenzen kennen – geblieben aber ist die Faszination für die große Disziplin und Konzentration, die die Grundlagen für die Ausübung des Tänzerberufs bilden. Es folgte das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften sowie der Philosophie. Nach der Promotion 1979 zog es sie in eine Anwaltspraxis nach Südafrika.
Im Alter von 32 Jahren wurde durch die Berufung zur Kulturdezernentin nach Bielefeld die Kultur wieder zum Lebensmittelpunkt. Es folgten die Jahre als Kulturdezernentin in Duisburg (1992–1997) unter dem großen Freund der Künste und des Tanzes Oberbürgermeister Josef Krings, wo ihr auch 1997 für besondere Verdienste der »Goldene Stadtring« verliehen wurde. 1997 führte sie der Weg für acht Jahre als Kulturbürgermeisterin nach Stuttgart, wo sie – weiterhin also große Förderin des Tanzes – u.a. Mitglied im Kuratorium der damals gegründeten Tanzstiftung Birgit Keil wurde.
Weitere Tätigkeiten waren: Stellvertretende Vorsitzende des Tarifausschusses des Deutschen Bühnenvereins – Fachbotschafterin für die Bewerbung des Ruhrgebiets zur Kulturhauptstadt 2010 – Vorstandsmitglied der »Schiller-Stiftung 1859« – Lehraufträge, u.a. für Kulturmanagement, an den Universitäten Bukarest, Münster, Speyer – Gastprofessorin auf Lebenszeit an der Technischen Universität Wuhan/China.
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