Deutscher Tanzpreis »Zukunft« 2005

Thiago Bordin

Porträt Thiago Bordinkann trotz seiner Jugend auf ein bemerkenswertes Schaffen als Tänzer und Choreograf zurückblicken. 1983 in São Paulo geboren, wo er auch seine tänzerische Vorausbildung erhält. Im Juli 1999 nimmt er am Tanzseminar und gleichzeitig stattfindenden Internationalen Wettbewerb in Brasilia teil. Hier begegnet er den Gastdozenten und Mitgliedern der Jury Prof. Birgit Keil und Prof. Vladimir Klos, die ihm mit einem Stipendium der Tanzstiftung Birgit Keil das Studium an der Akademie des Tanzes in Mannheim bereits ab September des gleichen Jahres ermöglichen. Es fällt die erstaunliche Musikalität und Sensibilität des eben 16jährigen auf und wird behutsam gefördert. Qualitätsempfinden »in search of excellence« zeichnen sein Studium aus. Er ist für alles empfänglich, setzt die Anregungen im Tanzunterricht genauso um, wie er die ihm angebotene Musik und Literatur hört, liest und in sich aufnimmt. Er liebt klassische Musik, ist offen für die Werke zeitgenössischer Komponisten und im konzentrierten Hören und Erleben wird er zu ersten Choreografien inspiriert. Für die Akademie des Tanzes Mannheim kreiert er zunächst zur Musik von Sergej Prokofievs Violinkonzert ein Ballett für zehn Tänzer und für die Tanzstiftung Birgit Keil zur Musik von Robert Schumann und Zdenek Fibich »Poem – Love Poem«, danach »Ein Walzer« zur Musik von Fritz Kreislers »Liebesfreud – Liebesleid«. Musikalität, Einfühlungsvermögen zusammen mit choreografischem Ideenreichtum prägen in charakteristischer Weise seine Kreationen. Sein Tanzdiplom erhält er mit einer noch nie vergebenen Auszeichnung und ist im folgenden Künstlerischen Aufbaustudium Tanz/Bühnenpraxis Meisterschüler von Prof. Birgit Keil. Bereits mit 17 Jahren, nachdem ihm eine Studienreise nach New York durch die Tanzstiftung Birgit Keil ermöglicht wurde, gastiert er dort mit Ballet Tech in »Adieu«, einer Choreografie von Eliot Feld. Im selben Jahr wird er beim Grand Prix d’Eurovision für junge Tänzer in Deutschland Erster und nimmt an der Endausscheidung im Royal Opera House Covent Garden in London teil. Sein tänzerisches Können inspiriert auch andere Choreografen wie z.B. Jörg Mannes, der 1999 an der Akademie des Tanzes Mannheim »Pramim« und als Auftragswerk für die Gala 2000 der Tanzstiftung Birgit Keil »Das Geräusch leichten Schnees« für ihn kreiert. Die Liste seiner Auszeichnungen bei internationalen Wettbewerben beeindruckt: 1. Preis als bestes Nachwuchstalent in Joinville, Brasilien (1997), Silbermedaille in Brasilia (1999), 1. Preis der Tanzstiftung Birgit Keil (2000), Finalist beim »Prix de Lausanne 2000«, 1. Preis beim Wettbewerb in Helsinki (2001). Seit dem Jahr 2001 ist er bei John Neumeier am Hamburger Ballett engagiert und tanzt dort u.a. Solorollen wie Der Junge Mann in »Jeux«, Leonid Massine in »Nijinsky«, das Solo in »Vaslaw«, »Preludes«, Des Grieux in »Kameliendame« und den Romeo in Neumeiers »Romeo und Julia«. Beim Theaterfest zur Eröffnung der Spielzeit 2003/2004, die auch den Beginn des neu formierten Ballettensembles des Badischen Staatstheaters Karlsruhe unter der Leitung von Prof. Birgit Keil markiert, kommt seine Kreation »Lieder« mit überwältigendem Erfolg zur Aufführung, eine Choreografie, die ursprünglich für die Stipendiaten der Tanzstiftung Birgit Keil entstanden war. In enger Verbundenheit mit seinen Förderern folgt er dem Ruf, für das Ballettensemble in Karlsruhe im April 2005 mit »Voices of Silence« zu Liedern aus Schumanns »Dichterliebe« und Musik von Peteris Vasks eine Uraufführung zu kreieren.

Im Januar 2004 betraut ihn John Neumeier mit einer neuen tänzerischen Herausforderung, der männlichen Hauptrolle des » Solor« in Natalia Makarova Inszenierung des Balletts »La Bayadère«.


Text der Ehrenurkunde

Der Deutsche Tanzpreis »Zukunft« 2006 wird dem Choreographen Thiago Bordin verliehen für sein offensichtliches und bewiesenes Talent zum Choreographen, das zu großen Hoffnungen für eine kreative Zukunft berechtigt. Die weitere Reifung des begabten Tänzers Bordin möge ihn auch befähigen, immer wieder neue und erweiterte Konturen und Bewegungsmaterialien für seine Choreographien zu entwickeln.


Laudatio (Prof. Dr. Norbert Lammert)

Thiago Bordin ist auch Brasilianer, auch erschreckend jung und bemerkenswert talentiert. Wie Flavio Salamanka wusste auch Thiago Bordin schon vor seiner Einschulung, dass er wohlmeinenden anderen Empfehlungen zum Trotz Tänzer werden wolle, nachdem der deswegen konsultierte Kinderpsychologe mit bemerkenswerter Souveränität die bei dem Jungen vermutete Obsession eher bei seinen Familienangehörigen diagnostiziert hatte. Der Sechsjährige durfte endlich in eine private Ballettschule, ein Jahr später in die Schule des Teatro de São Paulo. Dort gab es neben Ballett, modernem Tanz, Folklore- und Jazz-Tanz auch Unterricht in Komposition. Das über die Tanzausbildung hinausreichende breite Interesse führte Thiago Bordin früh in erste Zweifel über die künftige berufliche Laufbahn und zugleich über sie hinaus: Tänzer wollte er jetzt nicht mehr werden, lieber gleich Choreograph. Wohlgemerkt im Alter von 10 Jahren, in dem hierzulande viele Gleichaltrige noch mit der Frage beschäftigt sind, ob sie Lokführer, Astronaut oder doch lieber Pirat werden wollen. Glücklicherweise hat Thiago Bordin weder seinen Traum noch seine Ausbildung aufgegeben. Er nahm an nationalen und internationalen Wettbewerben mit glänzenden Erfolgen teil, die Silbermedaille beim Internationalen Wettbewerb in Brasilia 1999 öffnete ihm den Weg nach Europa und trug ihm gleich mehrere Angebote für ein Stipendium ein: in Dresden, London oder Wien. Birgit Keil und Vladimir Klos, die in Brasilia als Gastdozenten und Mitglieder Wettbewerbsjury beteiligt waren, rieten dem jungen Mann, nach nüchterner Abwägung aller Aspekte für das nach seinen Interessen und Bedürfnissen beste Angebot zu entscheiden – eine rundum einleuchtende Empfehlung und dennoch sicher schwierige Entscheidung für einen gerade mal 16-jährigen jungen Mann. Thiago Bordin entschied sich und ging weder nach London noch nach Wien, sondern – fast möchte man sagen: selbstverständlich – nach Mannheim, an die Akademie des Tanzes. Nach zweijähriger Ausbildung gewann er 2001 den Tanzwettbewerb in Helsinki und wurde in John Neumeiers Hamburg-Ballett aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er, nebenbei gewissermaßen, sein erstes Ballett choreographiert, danach entstanden Jahr für Jahr neue eigene Arbeiten zur Musik berühmter wie nahezu unbekannter Komponisten. »Ich erwarte von mir gar nicht, gut oder schlecht zu sein«, erklärt Thiago Bordin zu seinen Schöpfungen, »ich choreographiere einfach und beobachte, wohin es mich führt«. Es ist schon ziemlich gut, wie wir heute Abend gesehen haben, jedenfalls führt es ihn unwiderstehlich nach oben. Als Auftragswerk für das Ballett des Badischen Staatstheaters Karlsruhe wird im April dieses Jahres seine jüngste Choreographie uraufgeführt. »Voices of silence« wird das Werk heißen, doch manches spricht für die Vermutung, dass seine weitere Karriere stärker von »voices« als von »silence« geprägt sein wird. Immerhin ist Thiago Bordin inzwischen tatsächlich über 20 Jahre alt und trotzdem noch für manche Überraschungen gut. Von ihm wissen wir nicht, ob er sich eines Tages nach der Karriere als Tänzer und Choreograph auch eine Karriere als Lehrer vorstellen kann. Aber diese Frage stellt sich vermutlich auch erst in 20 oder 25 Jahren. Dann könnte er vielleicht als Nachfolger von Hans Herdlein als Präsident der Deutschen Bühnengenossenschaft in Frage kommen.

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