Deutscher Tanzpreis »Zukunft« 2006

Alicia Amatriain

Porträt Amatriainwurde im spanischen San Sebastián geboren. Ihren ersten Ballettunterricht erhielt sie in ihrer Heimat, danach besuchte sie die John-Cranko-Schule in Stuttgart, an der sie 1998 ihren Abschluss machte. Noch während ihrer Ausbildung tanzte Alicia Amatriain in Balletten von Hans van Manen und Renato Zanella sowie den Pas-de-deux »Blauer Vogel« aus Dornröschen und in La Bayadère.
Zu Beginn der Spielzeit 1998/99 wurde Alicia Amatriain als Elevin Mitglied beim Stuttgarter Ballett; ein Jahr später wurde sie ins Corps de ballet übernommen, und mit der Spielzeit 2001/02 avancierte sie zur Halbsolistin. Ein Jahr später wurde sie Erste Solistin der Kompanie.
Alicia Amatriain tanzte bislang Solorollen in Balletten unter anderem von John Cranko (Initialen R.M.B.E., Der Widerspenstigen Zähmung, Romeo und Julia und Schwanensee), William Forsythe Urlicht, Jerome Robbins (The Concert, The Cage, Dances at a Gathering), George Balanchine (Theme and Variations, Serenade, Apollo, Sinfonie in C und Die vier Temperamente), Uwe Scholz (Siebte Sinfonie, Der Feuervogel), John Neumeier (Die Kameliendame, Now and Then). Im Mai 2002 hatte sie ihr Debüt als Tatjana in Crankos Onegin, das von Publikum und Presse gefeiert wurde.
Einige Choreographen haben Rollen für Alicia Amatriain kreiert, so Christian Spuck (Songs und nocturne), Itzik Galili (Mono Lisa und Hikarizatto) und Wayne McGregor (Nautilus und EDEN | EDEN). 2003 schuf Christian Spuck für sie die Titelrolle in seinem ersten abendfüllenden Handlungsballett Lulu.
Für ihre Darstellung der Lulu wurde Alicia Amatriain von Publikum und Presse gefeiert und in den jährlichen Kritikerumfragen der Zeitschriften Dance Europe und ballet-tanz mehrfach als beste Tänzerin genannt.


Text der Ehrenurkunde

Der Deutsche Tanzpreis »Zukunft« 2006 wird der Tänzerin Alicia Amatriain verliehen für eine Bilderbuch-Karriere zur führenden Ballerina des Stuttgarter Balletts. Eine mühelose Technikg ermöglich ihr souverän ausdrucksstarke Rollengestaltungen in den verschiedensten Tanzstilen – das Potential einer großen Ballerina.


Die Laudatio von Prof. Dr. Lothar Späth

Herr Bundestagspräsident, lieber Herr Lammert, Herr Erster Bürgermeister, lieber Herr Roehm, ich freue mich und fühle mich wirklich geehrt, zum dritten Mal als Laudator bei der Tanzpreisverleihung aufzutreten. Und noch das Glück zu haben, dass die beiden, für die ich als Laudator hier vor einiger Zeit schon gewirkt habe, nämlich Marcia Haydée und Birgit Keil, heute Abend hier sind. Ich hatte wirklich geglaubt, jetzt hätte ich alle meine Aufgaben als schwäbischer Laudator beim Tanzpreis erfüllt. Ich muss jetzt auch eingehen auf die Frage »...alles außer Hochdeutsch«: Wir haben unsere Fremdenfreundlichkeit immer dadurch bewiesen, dass wir beim Ballett auch die Leute aufgenommen haben, die nicht schwäbisch konnten – sonst hätten wir vielleicht dieses Ergebnis nicht in Stuttgart. Man sollte manchmal ohnehin in dieser umgekehrten Richtung denken – denn nur, wer seine persönlichen Grenzen öffnet, wer die Grenzen für das Internationale aufmacht und wer Kunst, Kreativität und den Bildern Raum gibt, die wir heute Abend sehen, der kann auf Zukunft hoffen. Deshalb ist es wichtig, dass der Bund und die Länder sich an das Thema Tanz machen, auch an das Förderthema Tanz. Ich habe aus meinen politischen Erfahrungen eine gewisse Skepsis mitgenommen, dass die Programme zwar fertig sind, aber ihre Finanzierung noch nicht steht. Auch aus dem Anlass, dass hier zum zweiten Mal der Tanzpreis »Zukunft« vergeben wird, möchte ich die privaten Mäzene ansprechen. Denn wir müssen uns abgewöhnen zu sagen, das sei nicht Aufgabe der Wirtschaft (vor allem der Wirtschaft, der es gut geht, und die haben wir ja zum Glück in Deutschland auch!). Es darf nicht der Stolz der Wirtschaft sein, nur die Aktionäre und die Gesellschafter zu befriedigen, sondern es muss auch wieder der Stolz sein, solche Compagnien und solche künstlerischen Einrichtungen in Städten und Gemeinden zu erhalten! Wohl ist das eine öffentliche Aufgabe, die die Privatwirtschaft nicht allein erledigen kann, aber es ist auch eine verdammte Pflicht, ein guter Bürger zu sein, auch für Wirtschaftsunternehmen, und dazu beizutragen, dass auch dieser Teil unseres internationalen Erscheinungsbildes wichtig ist. Wenn ich als baden-württembergischer Ministerpräsident ins Ausland gereist bin und sichergehen wollte, dass mir im Wirtschaftlichen nichts schief geht, dann habe ich das Ballett mitgenommen. Deshalb denke ich, wir sollten da zu einer anderen Form der Kooperation zurückkehren. Wir dürfen hier nicht soziale Elemente gegen Kunst-Elemente ausspielen. Kunst und Ballett sind ein sozialer Vorgang und sind im Tiefsten sozial. Wenn wir heute darüber reden, dass unsere Bildungsschwächen vor allem in Kreativ-Bereichen liegen, dann wird nur sichtbarer, dass das, was eine Nation in der Zukunft im Wettbewerb braucht, vor allem eine Industrienation wie Deutschland, Kreativität ist, das Potential in der jungen Generation. Deshalb kommt es nicht nur darauf an, wie wir mit Wissen bestückt sind, sondern mit welchen Entfaltungsmöglichkeiten wir unseren Kindern Chancen geben. Wer sieht, in welchem Alter die Chancen vergeben werden müssen, damit sie genutzt werden können, der kann nur dafür sein, dass wir gerade auch in der Diskussion über unsere Bildungs- und Zukunftspolitik diese Elemente viel stärker berücksichtigen.

Ich möchte jetzt zu meiner eigentlichen Aufgabe zurückkehren und natürlich Reid Anderson ganz herzlich beglückwünschen. Ich will noch einmal zum Zukunfts-Preis kommen und die Überlegung unterstreichen, die Herr Roehm schon angesprochen hat: Wenn wir nur überall, wo ein Ballett mit Nachwuchsschulung ist, einen Kreis aufbauen könnten, der zehn bis zwanzig Stipendien in einem Jahr an junge Talente vergeben kann, dann wären wir ein ganzes Stück weiter. Ich will ihnen die drei Beispiele vorstellen, die beweisen, wie wichtig und sinnvoll dieser Zukunfts-Preis ist, der auf Hoffnung und Vertrauen aufbaut, nämlich zunächst auf das Vertrauen in ein großes künstlerisches Talent, und dann in das Hoffen, dass dieses Talent zu einer außergewöhnlichen Zukunft führt. Deshalb gilt der Preis denen, die schon aus eigener Leistung in der aktiven Bühnenlaufbahn stehen, die durch überzeugende tänzerische Technik, durch außergewöhnliches Talent Aufsehen erregen. Der Preis soll den Zukunftsträgern des Tanzes helfen, nationale und internationale Aufmerksamkeit zu gewinnen, in der Hoffnung, diesen Karrieren einen weiteren Schub zu vermitteln.

Ich beginne mit Alicia Amatriain. Der Deutsche Tanzpreis »Zukunft« wird ihr verliehen »für eine Bilderbuchkarriere«, und etwas davon haben wir heute schon gesehen, »zur führenden Ballerina des Stuttgarter Balletts. Eine mühelose Technik ermöglicht ihr souverän ausdrucksstarke Rollengestaltungen in den verschiedensten Tanzstilen – das Potential einer großen Ballerina«. Alicia Amatriain wurde in San Sebastián in Spanien geboren. Ihren ersten Ballettunterricht erhielt sie in ihrer Heimat, im Konservatorium von San Sebastián. Dort entdeckte sie Sarah Abendroth, eine Lehrerin der John Cranko-Schule, bei einem Sommerkurs, und holte Alicia mit 14 Jahren im Jahr 1994 nach Stuttgart. Die Mutter dachte, Alicia würde das Heimweh packen und hoffte auf eine schnelle Rückkehr. Doch Alicia besuchte als erste Stipendiatin der Tanzstiftung Birgit Keil die John Cranko-Schule in Stuttgart, wo sie 1998 ihren Abschluss machte. Aus einfachen Verhältnissen stammend, hat ihr das Stipendium vieles erleichtert, sagt sie. In atemberaubendem Tempo durcheilt sie seither die Ränge des Stuttgarter Balletts und blieb dabei stets bescheiden. Zur Spielzeit 1998/99 wurde sie Elevin, ein Jahr später ins Corps de ballet übernommen, ein Jahr später war sie Halbsolistin, und noch ein Jahr später war sie Erste Solistin. Sie ist als Interpretin moderner Choreographien genauso gefragt wie als Dramatikerin, die selbst in vertrauten Rollen, zum Beispiel als Tatjana in »Onegin«, neue Seiten zeigt. Seit sie der Stuttgarter Ballettintendant Reid Anderson von der Cranko-Schule übernommen hat, brilliert sie mit einer rasanten Entwicklung. Dabei kämpfte sie zunächst mit einem noch unsicheren Spitzenstand. Heute bringt sie durch ihre Ausdrucksstärke Kritiker zum Jubeln. Ihren internationalen Durchbruch feierte sie 2003 in ihrer Hauptrolle in Christian Spucks erstem Handlungsballett »Lulu«. In zwei Kritikerumfragen wurde sie als »Best Female Dancer« und »Profilierte Tänzerin« für diese Rolle genannt. Choreographen wie Wayne McGregor, Dominique Dumais und Itzik Galili kreierten eigens für sie Rollen und setzten ihre Kunst in Szene. Ihre größte Kraftprobe aber hat sie nicht auf, sondern hinter der Bühne bestehen müssen. Die Frage nach der größten Herausforderung in ihrem bisherigen Leben beantwortet sie mit »wieder zurückkommen«. Eine Thrombose in der Schulter hatte sie in der vergangenen Spielzeit erst ins Krankenbett, dann zur Schonung gezwungen. Das Schwierigste dabei war, den richtigen Zeitpunkt für die Rückkehr zum Tänzeralltag zu finden. Sie hat ihn gefunden. Ihre Traumrolle? Die Doppelrolle Odette/Odile in »Schwanensee« – zwei verschiedene Charaktere in einer Rolle: »Wenn man das schafft«, meint sie, »dann gelingt einem alles! Tänzerin zu sein ist anstrengend«, sagt sie, »aber schön. Wenn man diesen Beruf liebt, dann gibt man alles – und bereut nichts.«
Herzlichen Glückwunsch!

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